„Aus Böhmen und Mähren“

Das Festival der Nordwestdeutschen Philharmonie

„Klassik zu Pfingsten“ mit Kammer- und Orchesterkonzerten

Bad Salzuflen. Zum nunmehr bereits 17. Mal veranstaltet die Nordwestdeutsche Philharmonie ihr eigenes kleines Festival „Klassik zu Pfingsten“ von Freitag bis Montag, 2. bis 5. Juni, in der Konzerthalle im Kurpark. Unter dem Titel „Aus Böhmen und Mähren“ stehen diesmal populäre und auch weniger bekannte Orchester-, Solo- und Kammermusikwerke von Bedrich Smetana über Antonín Dvorák bis hin zu Josef Suk und Bohuslav Martinu auf dem Programm. Neben den beiden Orchesterkonzerten und der öffentlichen Probe der Nordwestdeutschen Philharmonie unter der Leitung von Frank Beermann gibt es zwei Kammerkonzerte, die im Gesamt-Abonnement mit um 25 Prozent niedrigeren Eintrittspreisen gegenüber den Einzelkonzerten gebucht werden können.

Nach der Eröffnung durch das „Minguet-Quartett“ und dem renommierten Pianisten Matthias Kirschnereit erklingt am Samstagabend der große sinfonische Zyklus „Mein Vaterland“ des tschechischen Nationalkomponisten Bedrich Smetana, der mit dem dort enthaltenen Stück „Die Moldau“ eines der bekanntesten Orchesterwerke überhaupt geschrieben hat. Unterhaltsame Klavierwerke zu zwei und vier Händen werden dann in der sonntäglichen Matinee erklingen, bei der sich neben Matthias Kirschnereit auch Frank Beermann als Pianist präsentieren wird. Und beim zweiten Orchesterkonzert gibt es ein Wiedersehen mit dem international renommierten Cellisten Alban Gerhardt und ein Wiederhören mit Dvoráks Sinfonie „Aus der Neuen Welt“, die seit Jahrzehnten zum festen Repertoire der Nordwestdeutschen Philharmonie gehört. Schließlich haben alle, die an der Arbeit des Orchesters besonders interessiert sind, noch die Möglichkeit an der Generalprobe am Samstagvormittag teilzunehmen.

Im Mittelpunkt des musikalischen Geschehens steht natürlich die Nordwestdeutsche Philharmonie, die sich als vielseitiges und engagiertes Orchester ihrem treuen Publikum der Region präsentiert. Geleitet werden die Orchesterkonzerte wieder von Frank Beermann. Er ist Mitbegründer der Klassik-Reihe zu Pfingsten und hat sowohl die „Begegnung mit Beethoven“ als auch die „Begegnung mit Brahms“, „Mozart trifft Mahler“ und „Best of british“ sowie im vergangenen Jahr „Russische Nächte“ erarbeitet und die Konzerte geleitet. Beermann war Generalmusikdirektor der Theater Chemnitz und Chefdirigent der Robert-Schumann-Philharmonie und feierte große Erfolge im Opern- und Konzertrepertoire. Sein ständig waches Interesse an unbekannten und neuen Werken hat zu spannenden Veröffentlichungen geführt. Dafür wurde er unter anderem mit dem „Echo Klassik 2009“ und dem „Excellent Award“ ausgezeichnet sowie für die „International Classic Music-Awards 2011“ nominiert. Gastdirigate führten ihn unter anderem an die Staatsoper „Unter den Linden“ in Berlin und an die Semperoper in Dresden. Sein umfangreiches Repertoire hat Schwerpunkte bei Richard Strauss, Gustav Mahler und Richard Wagner gefunden.

Streicherquartett mit einem Pianisten

Mit dem „göttlichen Böhmen“, wie Josef Myslivecek in seiner Hochzeit in Venedig genannt wurde, beginnt das erste Kammerkonzert der Reihe, indem dessen Streichquartett F-Dur gespielt wird. Seine Werke begeisterten mit spritzigem melodischen Esprit und synkopisch federndem Schwung. Mit Josef Suk steht ein weiterer großer Böhme auf dem Programm, dessen Ballade in d-moll „Der Tod und das Mädchen“ viele überraschende Effekte bietet. Und Gustav Mahlers Rückert-Lied „Ich bin der Welt abhanden gekommen“ für Streicher wurde von dem Komponisten als „Empfindung bis in die Lippen hinauf, die sie aber nicht übertritt. Und: das bin ich selbst!“ beschrieben. Schließlich folgen von Antonin Dvorak das Streichquartett F-Dur opus 96, auch als das „Amerikanische“ bezeichnet, und das Klavierquintett A-Dur opus 81, das bis heute eines der meistgespielten des Komponisten ist, da es als Paradigma seiner Kammermusik-Auffassung gilt.

Das „Minguet Quartett“ – Ulrich Isfort und Annette Reisinger (Violinen) sowie Aroa Sorin (Viola) und Matthias Diener (Violoncello) – und Matthias Kirschnereit (Klavier) gestalten dieses Konzert. Das 1988 gegründete „Minguet-Quartett“ zählt heute zu den international gefragtesten Streicherquartetten und gastiert regelmäßig in allen großen Konzertsälen der Welt, wobei seine so leidenschaftlichen wie intelligenten Interpretationen für begeisternde Hörerfahrungen sorgen, „denn die Klang- und Ausdrucksfreude, mit der das Ensemble die Werke zur Sprache bringt, belebt noch das kleinste Detail“, wie es in den Medien hieß. Namenspatron ist Pablo Minguet, ein spanischer Philosoph des 18. Jahrhunderts, der sich in seinen Schriften darum bemühte, dem breiten Volk Zugang zu den Schönen Künsten zu verschaffen – für das Minguet Quartett ist dieser Gedanke künstlerisches Programm.

Das Ensemble konzentriert sich auf die klassisch-romantische Literatur und die Musik der Moderne gleichermaßen und engagiert sich durch zahlreiche Uraufführungen für Kompositionen des 21. Jahrhunderts. Begegnungen mit bedeutenden Komponisten unserer Zeit inspirieren die vier Musiker zu immer neuen Programmideen. Seit Oktober 2015 sind die Mitglieder des „Minguet-Quartetts“ darüber hinaus als Gastdozenten für Kammermusik an der Hochschule für Musik und Tanz Köln Standort Wuppertal verpflichtet. 2010 wurde das Quartett mit dem begehrten „ECHO Klassik“ sowie 2015 mit dem renommierten französischen „Diapason d’Or“ ausgezeichnet.

Matthias Kirschnereit pflegt den schönsten denkbaren Zugang zur Musik: Er ist dem Empfindungsreichtum, dem Atem und damit überhaupt den menschlichen Zügen der Musik auf der Spur. Und diese Wege geht er dann, nach ausgiebiger Analyse und umfangreichem Repertoirestudium, letztlich doch „rein intuitiv“, wie er sagt. In den Medien hieß es: „Er ist ein Ausdrucksmusiker par excellence, der mit seinem Klavierspiel die spezifisch deutsche Klavierkunst fortsetzt.“

Erst mit 14 Jahren begann er sein erstes ordentliches Klavierstudium an der Detmolder Musikhochschule. Ein Alter, in dem andere Talente schon ihre ersten Klavierwettbewerbe hinter sich haben. 1971 war er neun Jahre, als er mit seiner Familie nach Afrika zog. Mit dem Einverständnis seiner Eltern kehrte er 1976 allein zurück und wurde in Detmold Jungstudent bei Renate Kretschmar-Fischer. Um sich nur auf die Musik zu konzentrieren, verließ er mit 16 Jahren sogar die Schule. An einen Satz, den ein empörter Studienrat ihm zum Abschied nachrief, kann er sich noch immer allzu gut erinnern: „Solche Leute kennen wir, der wird später Klavierlehrer in Barntrup…“

Doch der Lehrer irrte: Matthias Kirschnereit wurde mehrfacher Preisträger bei Wettbewerben wie dem „Concours Géza Anda“ in Zürich. Zu seinen Mentoren zählten Murray Perahia, Claudio Arrau, Bruno Leonardo Gelber und Sandor Végh. Er gibt jährlich etwa 50 bis 60 Konzerte, dazu ist er seit 1997 Professor an der Hochschule für Musik und Theater Rostock. Damit folgt er seinem Ideal, das Erlebte und Erfahrene an kommende Musikergenerationen weiter zu geben.

Am Morgen Probe, am Abend „Die Moldau“

Wer dann die Arbeit eines Orchesters einmal „hautnah“ mitbekommen will, kann das dann am nächsten Tag, am Samstag, 3. Juni, um 10 Uhr in der Konzerthalle tun: Im Foyer findet eine öffentliche Orchesterprobe statt, bei der Auszüge aus den beiden Orchesterkonzerten angestimmt werden. Am Abend folgt dann das erste Orchesterkonzert, bei dem unter der Leitung von Frank Beermann „Mein Vaterland“ von Bedrich Smetana gespielt wird. „Mein Vaterland“ ist ein Zyklus von sechs sinfonischen Dichtungen, der als vollständiges Werk am 5. November 1882 in Prag uraufgeführt wurde. Der populärste Teil des Zyklus ist „Die Moldau“. Die Komposition steht in engem thematischem Zusammenhang mit der Oper „Libusa“ aus dem Jahr 1872, die Smetana als nationales Festspiel konzipiert hatte. Der Zyklus, dessen Entstehungszeit von der völligen Ertaubung des Komponisten überschattet war, war zunächst als Vierteiler geplant; erst nach einer dreijährigen Schaffenspause entstanden die letzten beiden Teile. Themen sind Mythen, Landschaft und Geschichte von Smetanas tschechischer Heimat. Die Aufführung von „Mein Vaterland“ bildet traditionell jedes Jahr am 12. Mai, dem Todestag des Komponisten, die Eröffnung des musikalischen Prager Frühlings.

Werke für Klavier zu zwei und vier Händen

Als Matinee wird das zweite Kammerkonzert dann am Pfingstsonntag, 4. Juni, um 11 Uhr in der Konzerthalle gegeben. Frank Beermann und Matthias Kirschnereit spielen Werke für Klavier zu zwei und vier Händen von Jan Václav Vórisek, Antonin Dvorák, Johannes Brahms, Leos Janacek und anderen.

Von „Praga“ bis zur „neuen Welt“

Abschließender Höhepunkt der diesjährigen Reihe „Klassik zu Pfingsten“ ist dann das zweite Orchesterkonzert am Pfingstmontag, 5. Juni, um 19.30 Uhr in der Konzerthalle im Kurpark. Eingeleitet wird dieses Konzert mit „Praga“ opus 26 von Josef Suk, eine einsätzige Tondichtung, die Suk im Herbst 1904 nach dem Tod seines geliebten Mentors und Schwiegervaters Antonin Dvorák komponierte. Es folgt das erste Cellokonzert von Bohuslav Martinú, der zu den bedeutendsten tschechischen Komponisten gezählt wird. Auffällig ist in seinem Werk ein stets enger Bezug zur tschechischen Volksmusik. Das erste Cellokonzert lässt sich in Martinús neoklassizistische Schaffensphase einordnen, die am Ende der 1920er Jahre begann. 1939 wurde das Konzert jedoch für großes Orchester instrumentiert und hat seitdem einen eher sinfonischen Charakter, der in der endgültigen Fassung von 1955 am besten zur Geltung kommt. Ein farbenfrohes Allegro und ein leichtfüßiges Finale umrahmen ein breit angelegtes expressives Andante.

Schließlich wird die neunte Sinfonie „Aus der neuen Welt“ in e-Moll von Antonín Dvoráks angestimmt. Mit ihr schuf Dvorák sein wohl populärstes sinfonisches Werk. Die Englischhorn-Melodie des zweiten Satzes basiert auf der halbtonlosen fünftönigen Skala der Pentatonik, die in der Musik der Indianer gebräuchlich war. Rhythmisch fallen auch die für Negro Spirituals typischen Synkopen auf. Daneben zeigt sich unverkennbar der böhmische Musiker mit seiner in der heimatlichen Volksmusik verwurzelten Tonsprache.

Für die solistischen Aufgaben dieses Abschlusskonzertes konnte der Cellist Alban Gerhardt gewonnen werden. Er etablierte sich solistisch als einer der bekannten Cellisten unserer Zeit und trat mit vielen internationalen Orchestern auf. Er spielt ein Cello von Matteo Gofriller, gebaut im Jahr 1710. Alban Gerhardt wurde in eine Berliner Musikerfamilie hineingeboren. Mit acht Jahren begann er das Cello- und Klavierspiel. Früh konnte Gerhardt Erfolge bei verschiedenen Wettbewerben feiern und gewann bedeutende Preise. Seine internationale Karriere begann mit seinem Debüt als 21jähriger bei den Berliner Philharmonikern, seitdem war er bei mehr als 250 Orchestern in der ganzen Welt eingeladen. Neben seiner intensiven solistischen Tätigkeit hat auch die Kammermusik in Alban Gerhardts Schaffen eine wichtige Bedeutung.

Bild- und Textquelle: Stadt Bad Salzuflen

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